Der Fall Collini – Ferdinand von Schirach

Buchcover "Der Fall Collini", Foto: Piper-Verlag

Buchcover "Der Fall Collini"

Die beiden Bestseller mit Kurzgeschichten „Verbechen“ und „Schuld“ von Strafverteidiger Ferdinand von Schirach blieben bei mir in der Buchhandlung liegen. Aber der Anfang seines ersten Romans überzeugte mich. „Der Fall Collini“ erzählt die Geschichte eines scheinbar unerklärbaren Mordes – knapp, präzise und ohne jeden Schnörkel.

Der Mord passiert gleich auf den ersten drei Seiten. Ohne Umwege führt von Schirach den Leser in medias res. Dass er seinem Roman ein Zitat von Ernest Hemingway voranstellt, ist vermutlich nicht nur der Geschichte geschuldet. „Wir sind wohl alle für das geschaffen, was wir tun.“ Geschaffen zu morden und geschaffen, in einem knappen, simplifizierten Stil eines Hemingways zu schreiben. So wie es von Schirach in „Der Fall Collini“ tut.  Effekthascherei ist dem Autor fremd, wenn er den brutalen Mord an dem Industriellen Hans Meyer in einem Berliner Luxushotel schildert. Der Werkzeugmacher Fabrizio Collini schießt ihm vier Mal in den Hinterkopf und zertritt das Gesicht des Opfers. Anschließend wartet er blutverschmiert in der Hotellobby auf seine Verhaftung.

Auf der Suche nach dem Tatmotiv
Das Motiv für die Tat ist allen schleierhaft, auch dem unerfahrenen Pflichtverteidiger Caspar Leinen, der keine Ahnung hat, wie er seinem Klienten helfen soll. Dass er die Familie des Opfers gut kennt, macht die Sache für den Anwalt nicht gerade leichter. Nach kurzem Ringen siegt jedoch das berufliche Ethos. Leinen will Licht in das Dunkel des Falles bringen. Das Motiv für die Bluttat findet er im Italien des Jahres 1943 – in Gräueltaten der Nazis. Den Rahmen bildet zudem ein eher trauriges Kapitel der deutschen Justizgeschichte, das Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, kurz OWiG.

„Blasse Figuren, plakative Gestalten“
All das liest sich leicht. In kürzester Zeit ist der Roman zu Ende. Und doch bleibt der Leser unzufrieden zurück. Ein Grund dafür ist das unspektakuläre Ende auf den Treppenstufen vor Leinens Mietshaus. Aber auch die fehlenden Konturen der Chraraktere tragen dazu bei, dass „Der Fall der Collini“ kein Leseerlebnis wird. Ohne inneres Geschehen und besondere Marotten bleiben Collini, Leinen und auch der Nebenkläger blasse Figuren, plakative Gestalten wie die einer Daily Soap. Schade. Für mich hat sich von Schirach damit nicht in die Reihe der virtuosen Dichterjuristen wie Bernhard Schlink oder Kurt Tucholsky eingereiht.

Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini
Roman
Piper Verlag, München/Zürich: 2011
195 Seiten, 16,99 Euro

Weiterführende Links zu „Der Fall Collini“:
Schlank, kompakt und unauffällig – Deutschlandradio Kultur zu „Der Fall Collini“
Wie ein unbescholtener Mann zum Mörder wird – Focus-Buchkritik
Leselust-Blog: Rezension – Der Fall Collini
Ferdinand von Schirach – Rechtsanwalt und Schriftsteller
Der Piper-Verlag im Netz

Weitere Rezensionen in diesem Blog:
Bullenliteratur aus Belgien: Pieter Aspes Krimis

2 Gedanken zu „Der Fall Collini – Ferdinand von Schirach

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