Beuys-Urteil schränkt Fotografen massiv ein

„Kein Fett, keine Stars, Leuchttürme, Schlösser mehr! Was fotografieren wir nun?“, twittert Fotograf Olaf Bathke zum Beuys-Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Düsseldorf. Das Gericht bestätigte ein Urteil zu 18 Fotos von einer Kunstaktion aus dem Jahr 1964, das weitreichende Folgen für Fotografen haben  könnte, die Theater- und Musikaufführungen oder andere künstlerische Performances ins Bild setzen.

Die Rechte der Künstler-Erben sind stärker zu gewichten als die der Fotografen, so die Kurzformel des Urteils, das augerechnet am vorletzten Tag des Jahres bekannt wird. Im konkreten Fall hat die Beuys-Witwe dem Museum Schloss Moyland untersagt, 18 Fotos einer Fluxusaktion zu zeigen, die der Fotograf Manfred Tischer vor rund 50 Jahren bei der Aktion „Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ während der ZDF-Sendung „Drehscheibe“ gemacht hat.

OLG schafft zweifelhafte Urheber-Rechtslage
Zu recht spricht Spiegel online von einem Urteil mit Folgen. Fotografen von Kunstaktionen müssen nach dem Richterspruch mit Verboten rechnen. Denn die Fotos seien als Bearbeitung des Kunstwerkes einzustufen, hieß es in der Urteilsbegründung. Fotografien einer künstlerischen Performance, eines Happenings seien keine einfache Dokumentation, sondern eine „Umgestaltung“.

„Das Urteil des OLG Düsseldorf birgt nicht unerhebliche Gefahren für die (Dokumentations-)Fotografie. Würde sich die Auffassung des Gerichts durchsetzen, könnten Fotodokumentationen von Theaterstücken, Musikaufführungen, Performances stets vom Urheber mit dem Argument der unzulässigen Bearbeitung untersagt werden. Hiermit würde die Arbeit von Fotografen und Museen erheblich erschwert“, sagte der Berliner Rechtsanwalt der Stiftung Museum Schloss Moyland, Simon Bergmann RP Online.

„In jedem Menschen steckt ein Künstler“
Die Frage nach den Urheberrechten des Fotografen hat das Gericht den Medienberichten zufolge offenbar nicht gestellt. Und leider kann Manfred Tischer selbst keine Stellung mehr nehmen, weil er bereits im Jahr 2008 verstarb. Fakt ist, dass Fotografen künftig eine offizielle Genehmigung für ihre Fotos einholen müssen, die sie von künstlerischen Events gemacht haben. Das schränkt die künstlerische Freiheit von Fotografen erheblich ein, wenn es sie nicht sogar ganz und gar unmöglich macht. Für jedes Bild eine Freigabe vom Künstler oder von dessen Erben einzuholen, ist eine neue Form der Zensur, die nun auch rechtlich voll sanktioniert wird. Ein ziemlich kurzsichtiges Urteil, bei dem das Gericht offenbar nicht richtig über den Tellerand des konkreten Falles hinausgeschaut hat. Was hätte wohl Beuys dazu gesagt? „In jedem Menschen steckt ein Künstler“, diese Auffassung hat ihn bekannt und vielen sympathisch gemacht. Im Kontext dieses Urteils wirft dieses Zitat so mache Frage auf.

Für Schloss Sanssouci brauchen Fotografen eine Genehmigung
Mit dem Urteil des OLG Düsseldorf geht eine Entwicklung in der Rechtsprechung weiter, die im Jahr 2010 ihren Anfang in einem Rechtsstreit zwischen der Fotoagentur Ostkreuz und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten nahm. Das Oberlandesgericht Brandenburg sprach Pressefotografen das Recht ab,  in öffentlich zugänglichen Gärten Pressefotografien von Gebäuden ohne Erlaubnis des Grundstückseigentümers zu machen und zu publizieren – wie etwa vom beliebten Schloss Sanssouci in Potsdam (Az. 5 U 14/09). Vielen Dank an den Deutschen Journalisten-Verband Landesverband Rheinland-Pfalz für den Hinweis auf dieses Urteil.

Weiterführende Links zum Beuys-Urteil des OLG Düsseldorf:
Frankfurter Rundschau zum Beuys-Urteil: „Entmündigung“
Deutschlandradio: Beuys-Witwe darf Ausstellung von Fotos weiter verbieten

RP Online: Beuys-Witwe darf Foto-Schau verbieten

„Schwerwiegende Konsequenzen“ – Telefoninterview mit Bettina Paust, Museum Moyland

Pressemitteilung OLG Düsseldorf: Schloß Moyland hätte Genehmigung für Ausstellung einholen müssen
DJV – Preußische Schlösser: Gericht entscheidet gegen Fotografen
Brecht, Müller und die Richter – Berliner Zeitung
Brecht-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes

3 Gedanken zu „Beuys-Urteil schränkt Fotografen massiv ein

  1. Ebenfalls problematisch bei diesem aktuellen Urteil: Die Rechtsauffassung findet sich schon zu Dutzenden in Fotografen-Verträgen wieder, die beispielsweise bei Konzerten vorgelegt werden: Umfangreiche Rechteabtretungen an den Künstler, nicht nur Nutzungsrechte gratis, sondern auch Urheberrechte (sic!), Verbote von Zweit- und Mehrfachnutzungen, Freigabezwang für erstellte Bilder durch den Künstler/seine Agentur. Der DJV rät in solchen Fällen regelmäßig dazu, solche Verträge nicht zu unterzeichnen.
    Anbei zwei weiterführende Links, die diese Praxis illustrieren:
    http://bildjournalisten.djv-online.de/?s=konzert+ (Bildjournalisten-Blog des DJV, Sammelseite) und
    http://www.fotorecht.de/publikationen/konzertfoto-pp.html

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  2. Liebe Frau Rost,

    vielen Dank für die weiterführenden Informationen. Dass viele der so genannten Topacts in der Konzertwelt Fotagrafen mit Knebelverträgen das Leben schwer machen, hatte ich schon gehört – und mich immer gefreut, wenn es tatsächlich einen erfolgreichen Boykott durch die Pressefotografen gab. Allerdings erinnere ich mich gerade nur an ein einziges Beispiel. Ich kann da nur in dieselbe Kerbe schlagen wie Sie und der DJV: Fotografen aller Länder vereinigt euch! Das ist nicht immer leicht, ich weiß. Ich sage das sicher nicht aus dem Elfenbeinturm heraus. Ich kenne die wirtschaftlichen Zwänge aus eigener Erfahrung.

    Ihre Andrea Amerland

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