Bullenliteratur aus Belgien: Pieter Aspes Krimis

Ich habe sie vor Weihnachten für 2,99 Euro im Ramsch entdeckt, in der Bücherwühlkiste beim Discounter: Die Krimis von Pieter Aspe. Doch dort gehören die im  Fischer-Verlag erscheinenden Bücher gar nicht hin. Denn die Geschichten rund um den unkonventionellen Ermittler Pieter van In sind bildstark, spannend und haben mit der Brügger Altstadt eine Touristenattraktion als Kulisse.

Commissaris Pieter Van In ist eigentlich ein Unsympath. Mit depresssiven Anwandlungen und größenwahnsinnigen Höhenflügen ermittelt er zusammen mit Guido Versavel im belgischen Sumpf aus Amtsmissbrauch, Prostitution und Habgier. Respektlos legt er sich mit großen Tieren an und nimmt es dabei nicht immer mit den Rechtsvorschriften so genau. Er ist Misanthrop, aber Genever, Cognac und Whiskey sehr zugetan – egal, ob als Schuss im Kaffee im Büro oder pur in Brügges halbseidenen Etablissements.

A Duvel a day … mindestens
Sein Lieblingsgetränk ist und bleibt allerdings das Duvel, ein belgisches Starkbier, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit konsumiert. Von zahlreichen Zigaretten, Raucherhusten, Atemnot und Speckrollen begleitet ist er ganz Mann, in den ausgerechnet die schöne Staatsanwältin Hannelore Martens verliebt ist. Der Leser – oder vielleicht doch eher die Leserin der Aspe-Krimis – kann das bei der Charakterzeichnung des Commissaris nur verwundern. Denn ein Traumann ist Van In, der auch mal einen Scheck für den Bordellbesuch platzen lässt, nicht gerade.

Die Mühlen des Polizeiapparates
„Benson im Himmel“ ist seine Lieblingsredewendung. Sie findet beinahe schon inflationär in den Krimis Verwendung, unter anderem, wenn es um den komplizierten Polizeiapparat Belgiens geht. Kein gutes Haar lässt das Ermittlerduo Van In/Versavel an der Rijkswacht, die wie ein Sammelbecken aus korrupten Offizieren, rechtsextremen Elementen und Saufbolden erscheint.

Der schlechte Ruf hat seinen Grund. Denn beim Fall Dutroux, der Belgien in den 1990er Jahre erschütterte, machte die Rijkswacht keine gute Figur. Mit den Konsequenzen muss insbesondere Aspes Antiheld Van In leben: Durch eine Neustrukturierung der Behörden sollen kommunale und nationale Ermittler besser zusammenarbeiten, was sie offenbar nicht nur in der Romanwelt mehr schlecht als recht tun. Die internen Kabbeleien erinnern stark an das Zuständigkeitsgerangel zwischen FBI, State Police und den Sheriffs in amerikanischen Filmen. In jedem Fall sorgen die strukturellen Probleme für manchen amüsanten Wutausbruch des Kommissars.

Brügge ist wie Amsterdam oder Venedig von Kanälen durchzogen, Foto: Jerzy Sawluk/pixelio.de

Brügge ist wie Amsterdam oder Venedig von Kanälen durchzogen, Foto: Jerzy Sawluk/pixelio.de

Unterhaltsame Gute-Nacht-Lektüre für Krimi-Fans
Die Krimis von Pieter Apse sind absolut lesenswert. Mitunter gerät die Handlung ein wenig plakativ. So manches Klischee oder Vorurteil wird allzu stark ausgereizt, aber das ist beim Genre Krimi nicht weiter außergewöhnlich. So sind die Deutschen effizient, aber unkreativ, werden als Moffen bezeichnet und nicht gerade geliebt. Frauen sind hüftenschwingende Sexualobjekte, denen jeder Mann begierig und sabbernd hinterher schaut. Und Flamen und Wallonen sind sich nicht geheuer. Der homosexuelle Versavel kommt hingegen in der Figurenzeichnung noch einigermaße gut weg. Auf allzu viel Tuntiges hat der Autor hier verzichtet. Auch werden in den drei Krimis, die ich gelesen habe, niemals die berühmten „Moules-Frites“ (Muscheln mit Pommes) bestellt – soweit geht der Autor bei den Stereotypen dann doch nicht.

Die Geschichten werden temporeich erzählt und spannend vom Autor entwickelt. Dabei setzt er auf Wortgefechte und starke Vergleiche, die satirisch überspitzt und somit meistens witzig sind. Brügge bietet eine atmosphärische schöne Kulisse mit typischen Lokalkolorit. Zumeist ist die mittelaterlicher Altstadt mit ihren Wallanlagen, Windmühlen und Kanälen Schauplatz der Handlung. Die Protagonisten bewegen sich zwischen Rathaus, Heilig-Blut-Basilika und Marktplatz. Man bekommt richtig Lust, den von der UNESCO zum Welterbe erklärten Stadtkern einmal zu besuchen.

Fazit: Für mich sind die Aspe-Krimis eine kurzweilige Gute-Nacht-Lektüre, die gut unterhält, ohne zu überfordern, genau das Richtige, wenn man abschalten will.

Zum Autor
Im niederländischen Sprachraum gehören Pieter Aspes Bücher zu den meistgelesenen Krimis. Nur ein ein Bruchteil seiner mehr als 25 Krimis wurden ins Deutsche übersetzt. Im Jahr 2009 waren Verfilmungen im ZDF zu sehen. Aspe wurde 1953 als Pierre Aspeslagin in Brügge geboren. Inzwischen lebt er seit einigen Jahren in Blankenberge.

Folgende Krimis von Pieter Aspe sind auf Deutsch erschienen:

Die Midas-Morde
Buchcover "Die Midas-Morde", Foto: Fischer-VerlagEin Bombenanschlag erschüttert Brügge. Wer hat das Standbild des flämischen Dichters Guido Gezelle in die Luft gejagt? Und was hat das mit dem Mord an einem deutschen Geschäftsmann zu tun? Commissaris Pieter Van In ermittelt. Die Midas-Morde


Die vierte Gestalt

Buchcover "Die vierte Gestalt", Foto: Fischer-VerlagKlassischer Krimi-Auftakt: Die Leiche einer jungen Frau wird in einem Wassergraben gefunden. Ertrunken ist sie nicht. Sie wurde mit einer außergewönhlichen Chemikalie, die schwer nachzuweisen ist, vergiftet. Das Opfer bewegte sich in einem Mileu aus psychisch Kranken und Satanisten. Ein heiße Spur? Die vierte Gestalt

Das Quadrat der Rache
Buchcover "Das Quadrat der Rache", Foto: Fischer-VerlagEin geheimnisvolles Zeichen, das als „Templerquadrat“ aus dem Mittelalter bekannt ist, stellt die Polizei vor ein Rätsel. Einbrecher hinterlassen es als Botschaft im Juweliergeschäft von Ludovic Degroof, einem mächtigten Mann in Brügge. Welche Rolle spielt er in diesem Spiel? Das Quadrat der Rache

Die Kinder des Chronos
Buchcover "Die Kinder des Chronos", Foto: Fischer-VerlagEin Leichenfund im Garten eines restaurierten Bauerhauses lässt Kommissar Van In, Staatsanwältin Hannelore und Brigadier Guido Versavel in der Geschichte des Anwesens wühlen. Einst war das Gebäude auf dem Land ein geheimes Bordell für die Brügger Honoratioren. Die Kinder des Chronos

Blaues Blut
Buchcover "Blaues Blut", Foto: Fischer-VerlagEine Verkettung von Umständen: Untersuchungsrichterin Hannelore Martens erhält einen Anruf ihres Jugendfreundes Valentijn Heydens. Während eines Treffen noch am selben Abend kommt dessen Vater ums leben. Selbstmord? Blaues Blut

3 Gedanken zu „Bullenliteratur aus Belgien: Pieter Aspes Krimis

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