Wie „Alle meine Wünsche“ die Glücksformel beschreibt

Buchcover "Alle meine Wünsche", Foto: Hoffmann und Campe

Foto: Hoffmann und Campe

Ich habe es soeben aus der Hand gelegt: das Buch, das mich – ich finde kein besseres Wort – erschüttert zurück lässt. Es umfasst nur 128 Seiten. Aber die haben es in sich – mehr als so mancher großer Roman der Weltliteratur. Es heißt „Alle meine Wünsche“ und wurde erstaunlicher Weise von einem Mann geschrieben  – von dem Franzosen Grégoire Delacourt.

Es gibt viele Bücher, die sich mit dem Thema Glück beschäftigen. Zumeist sind es psychologische Ratgeber mit verkaufsfördernden Titeln wie „Die Glücksformel“, die ihre Käufer wie nach einem rettenden Strohhalm ins Bücherregal greifen lassen.

Auch Grégoire Delacourt geht der Frage nach, was Menschen glücklich macht – allerdings hat er die Form eines Romans gewählt. Literaturwissenschaftlich ließe sich sicher darüber streiten, ob dieser Gattungsbegriff zutrifft. Denn „Alle meine Wünsche“ hat eine unerhörte Begebenheit zum Inhalt, die das Leben der Protagonisten aus den Angeln hebt. Insofern könnte die Bezeichnung „Novelle“ durchaus die treffendere sein.

Leben und Sterben in der Welt von Jocelyne

Von diesem literaturwissenschaftlichen Gedöns einmal abgesehen, erzählt Delacourt die kleine Geschichte von Jocelyne, 47 Jahre. Die zweifache Mutter führt einen Kurzwarenladen im nordfranzösischen Arras. Da die Kinder aus dem Haus sind, findet Jocelyne in ihrem Blog „Zehngoldfinger“ übers Sticken, Nähen und Stricken einen neuen Sinngeber.

Jocelyne hat sich mit ihrem Leben arrangiert, das nicht nur schöne Seiten hat. Da ist der Vater, der nur ein Jahr nach dem Tod der Mutter durch einen Schlaganfall seine Erinnerungsfähigkeit verliert und Jocelyne in sechsminütigen Intervallen fragt: „Wer sind Sie?“. Auch eine Totgeburt hat die Ehe bereits überschattet. Und doch ist Jocelyne mit ihrem Leben und ihrem manchmal ungehobelten Mann zufrieden – bis ein Millionen-Lottogewinn alles verändert.

„Alle meine Wünsche“ – die Glücksformel?

Jocelyne weiß zunächst nicht, wie sie mit dem Gewinn umgehen soll und beginnt eine Liste mit allen ihren Wünschen nieder zu schreiben. Diese zeigt deutlich, dass es nicht unbedingt die Dinge sind, die wir mit Geld kaufen können, die uns glücklich machen. Jocelynes Liste bleibt bis zuletzt überschaubar – denn was sie glücklich macht, hat sie bereits: Kinder, Familie, einen Mann, Freunde, eine Aufgabe, die ihr Freude macht, kurzum: ihr Leben hat Sinn.

Interessanterweise habe ich vor einigen Tagen einen Artikel in einer Ausgabe von „Spiegel Wissen“ gelesen, der den Titel „Dreieck des Wohlbefindens“ trägt. Der Tenor: Glücklich ist derjenige, dessen Leben von der Dreifaltigkeit „Haben, Lieben, Sein“ geprägt ist. „Haben“ und „Lieben“ sind selbsterklärend. „Sein“ steht dafür, das Menschen in ihrem Leben einen Sinn finden. Auch wenn die drei Glücksfaktoren individuell gewichtet sind, kann kein Aspekt einen anderen völlig ersetzen, so die Erkenntnis von Glücksforscher und Soziologe Jan Delhey.

„Alle meine Wünsche“ zeigt, was passiert, wenn einer der Glücksfaktoren wegbricht und Geld als der Heilsbringer betrachtet wird. Delacourt erzählt das kurz, knapp und in schlichten Worten, aber so, dass es den Leser mehr trifft als alle Erkenntnisse der Glücksforschung und Ratgeber zum Thema. Denn Delacourts kleines Buch appelliert an die Emotionen, nicht an den Verstand. Mein Rat: unbedingt lesen … und vielleicht auch eine Liste mit allen Wünschen erstellen!

Was andere zum Buch „Alle meine Wünsche“ sagen:

Deutschlandradio Kultur: Glück in der Mittelmäßigkeit
WDR 2: Kritik „Alle meine Wünsche“ von Christine Westermann
NDR Kultur: Wenn Träume in Erfüllung gehen

Weitere Buchbesprechungen auf Text-Know-how:

Der Fall Collini – Ferdinand von Schirach
Bullenliteratur aus Belgien: Pieter Aspres Krimis
So hart wie die Realität: Nele Neuhaus‘ „Böser Wolf“

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