Mein Leben ohne Tageszeitung

Es begann schleichend – die Unlust, meine Lokalzeitung zu lesen. Zunächst kam da die Langeweile, dann der Ärger über die Hofberichterstattung für große Anzeigenkunden, schließlich regelrechte Wut über einen Kampagnen-Journalismus, der mir grundsätzlich missfällt und dessen Motivation ich nicht verstanden hatte. Es endete, womit es enden musste: mit der Kündigung meines Tageszeitungs-Abos.

Vielleicht ziehe ich mir jetzt den Ärger meiner Zunft zu und werde als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet. Aber mal ganz ehrlich: ich finde es momentan total schiwerig, eine Tageszeitung zu finden, die alle meine Bedürfnisse erfüllt. Die überregionalen Printmedien haben ihre Lokalteile dermaßen ausgedünnt und Sammel- und Überblicksseiten geschaffen, die nur noch ganz punktuell einen Blick in eine Region werfen. Es ist reine Glückssache, ein Thema für seine Gegend zu finden, das auch tatsächlich interessiert. Die Informationen, die ich dort über die Ereignisse vor meiner Haustür bekomme, reichen mir überhaupt nicht aus.

Lokaljournalismus ist wichtig, aber schwierig

Und dann sind da die Lokalzeitungen. Sie berichten zwar nicht mehr über jede Kita-Eröffnung oder jedes Schulfest und haben es durchaus gelernt, überregionale politische Ereignisse lokal herunter zu brechen – aber die Nähe zu so manchem Werbekunden ist einfach nicht zu ertragen. Zu allem Überfluss bieten mir hier die überregionalen Mantelseiten nur die zusammen redigierte DPA-Meldungen, aber kaum selbst recherchierte Hintergrundberichte oder Interviews.

Ratlosigkeit in Redaktionen und Verlagen

Somit muss ich wohl oder übel seit ein paar Wochen auf die morgendliche Lektüre einer Tageszeitung verzichten. Das fühlt sich merkwürdig an bei jemanden, der noch mit Zeitungslektüre sozialisiert wurde. Daher habe ich wohl auch über ein Jahr gebraucht, bis ich mein Zeitungsabo schließlich gekündigt habe. Und nun? Nun bin ich ratlos. Und die Verlagshäuser offenbar auch.

Text-Know-how: Heute im Briefkasten: Der Schnee von vorgestern
Warum Koppelgeschäfte Gift für den Journalismus sind
Zeitungssterben: Letzte Chance Tablet?
Die Zeitung ist tot. Lang lebe die Zeitung!
„Verlage befinden sich in einem kritischen Lock-in.“

23 Gedanken zu „Mein Leben ohne Tageszeitung

  1. Liebe ANDREA:))
    Ich hätte dir da eine TAGesZEITUNG die dich erfüllen könnte..schau mal bei mir unter den KATEGORIEN nach…Mich erstelle für jeden TAG eine ZEITUNG…für MonTAG…für Dien-s-TAG usw….schau einfach mal nach…ich lese schon lange keine ZEITUNG mehr..da steht viel MÜLL drinne..da haste RECHT auch das FernsehPROGRAMM läßt zu wünschen übrig…dir einen schönen HIMMEL(s)FEIEr-TAG–LG ANDREA:)

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  2. das kann ich nur unterstreichen. genau so haben wir das schon vor über 10 jahren gesehen und gekündigt. dann rannte uns die zeitung noch etwas penetrant hinterher, heute sind wir sie los. leider brauchten sie ein paar scharfe worte mehr um es zu verstehen..
    du wirst merken: es geht sehr gut ohne. wilkommen im klub.
    liebe grüsse
    d.

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    • Hi Daniela,
      jedes gekündigte Abo befördert die Krise der Medien weiter – und da auch ich mal als freie Mitarbeiterin bei der Lokalzeitung anfing, habe ich doch ein schlechtes Gewisssen, ein klein wenig. Aber du hast recht: man kann morgens im Zug auch gut aus dem Fenster schauen und langsam wach werden, statt eine Zeitung zu lesen. Ein ehemaliger Kollege schrieb auf Twitter, er habe – genau wir ihr – schon seit 1o Jahren keine Tageszeitung mehr – scheint üblicher zu sein als ich dachte. LG Andrea

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      • ja, das ist so. und bei den meisten kenne ich das als sanften ausstieg: erst nur noch die wochenendausgabe und dann gar keine mehr. ist wirklich schade so, aber ich glaube eben, auch selbst „erarbeitet“. leider. ich vermisse in den letzten jahren nichts. eigentlich auch schlimm, dass so sagen zu müssen.
        liebe grüsse
        d.

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        • Und wie informierst du dich so, Daniela? TV? Tagesschau? Heute-Nachrichten? Internet? Lokale Nachrichten lese ich komischweise nicht gerne online. Überregionale schon. LG Andrea

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        • einiges im internet, da meiste im tv. ich muss zugeben ein nachrichten-junkie zu sein. da nehm ich mit was geht. vor allem die lokalnachrichten im 3. man will ja über sein nächstes umfeld am besten informiert sein, nicht? spannend finde ich aber auch immer wie verschiedentlich über ein und dieselbe sache berichtet werden kann. und in welchem umfang. lg d.

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        • Ja, das stimmt. Ich finde den Vergleich zwischen „Heute“ und „Tagesschau“, „Heute Journal“ und „Tagesthemen“ auch immer interessant, aber auch den Blick auf die „ntv“ oder „RTL“-Nachrichten. Und online bin ich eh den ganzen Tag unterwegs … LG und ein schönes Wochenende!

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  3. Genau, dieses Thema ist voll von schlechtem Gewissen (wenn man „mit der Tageszeitung sozialisiert wurde“) und Unmut in Bezug auf „was so in der lokalen Presse steht…“ Nachdem ich nach diversen Unzügen zunehmend unzufrieden mit Tageszeitungen und deren Anspruch bin, probiere ich jetzt gerade die Wochenzeitungen durch. Aber auch da bin ich momentan eher abgetörnt… Interessanterweise war ich gerade in Zürich, und dort liest man morgens und abends Zeitung, oder auch nicht, auf jeden Fall wartet sie kostenlos in der S-Bahn oder liegt am Bahnhof! Insgesamt eine gute Lösung, allerdings sollte man wohl eher nicht über die Sache mit der Meinungsvielfalt nachdenken…

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    • Hi Karin,

      das Problem ist, dass man in den Redaktionen immer mehr Stellen streicht. Und das geht eben auf Kosten der Qualität – und auch auf Kosten der Unversechselbarkeit. Heute weiß man nicht mehr, welche Zeitung wofür steht. Die politische Position fehlt, die Orientierung und auch die Kreativität in der Berichterstattung. Die Krise kreiert immer mehr Einheitsbrei. Wie man allerdings kostenlose Zeitungen finanzieren kann, die lesbar sind, sprich eine gewisse Qualität bieten, ist mir ein Rätsel. Ist mir in Zürich auch gar nicht aufgefallen als ich 2 Wochen dort war. Ist das neu? LG Andrea

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  4. Wir bekommen eine örtliche Tageszeitung.
    Da erfahre ich doch einiges über unsren Ort, und eben auch über die große Politik – und klar auch über Sternchen und Möchtegern-Große…
    Mein Mann möchte sie schon lange abschaffen, noch halte ich dagegen😉
    Denn im Netz finde ich längst nicht alles bei dieser Zeitung, was ich wissen will.

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  5. Hallo Andrea,

    danke für Deine ehrliche und mutige Meinung und Deinen Blog.

    Wir hier im Ruhrgebiet lesen anscheinend hauptsächlich die Tageszeitung der WAZ-Mediengruppe. Der Konzern ist zwar ein Moloch und nicht nur SPD-nah sondern quasi inkl. deren Beteiligung. Wenn man das aber weiss, kann man das Blatt, dass ich mein ganzes Zeitungsleben lang schon lese, gut einschätzen.

    Der Hauptgrund die Zeitung nicht abzubestellen ist der bei uns in GE recht gut gemachte Lokalteil. Ja, es sind viele Schreibfehler drin und manche Texte enden auch schon mal abrupt mitten im Satz, aber im Grossen und Ganzen wollen wir unsere Tageszeitung – auch gerade wegen des Lokalteils – nicht hergeben und sind froh, dass es noch echte Menschen in den Redaktionen gibt. Kinder werden durch eine ganzseitige Kinderseite, die das Tagesgeschehen kindgerecht für verschiedene Altersstufen aufbereitet, zum Zeitungslesen animiert. Aktionen, die die Leserschaft einbezieht, wie z. B. eine Art Leserbeirat u. ä. sorgen auch für eine gehobene Akzeptanz bei den Abonennten.

    Was für weniger Akzeptanz sorgt ist, dass in Dortmund leider eine weitere Redaktion geschlossen wurde. Ich glaube auch eine aus dem Hause der WAZ-Mediengruppe.

    Parallel wird bei uns natürlich Tagesschau/-themen etc. als Informationsquelle herangezogen, wobei ich persönlich mehr der WDR2/WDR5-Radio-Hör-Typ bin, da ich täglich 2 h mit dem PKW von und zur Arbeit fahre. Nachrichten auf den „Privaten“ (RTL, SAT1 etc.) schauen wir eigentlich nicht. Was scho mal aus aktuellen Anlass oder Zeitdruck sein kann, dass NTV o. ä. läuft.

    Liebe Grüße aus dem Ruhrgebiet

    der Dirk

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    • Lieber Dirk,

      vielen Dank dir und auch allen anderen Kommentatoren. Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Thema so viele Menschen bewegt. Und ich bin froh, direkte Meinungen von Lesern und Mediennutzern in der Bloggosphäre zu bekommen. Als Redakteurin eines PR & Medienportals (https://textknowhow.wordpress.com/2012/10/20/springer-fuer-professionals-wie-ein-portal-wissen-vermittelt/), sitze ich mitten im Mediengeschehen und bin vielleicht in mancher Hinsicht einfach auch *betriebsblind“ und *überkritisch*. Bei den Lokalzeitungen gibt es solche und solche – und ich schließe auch gar nicht aus, dass ich wieder zur regelmäßigen Lektüre einer Lokalzeitung zurück kehre. Manchmal lernt man ja durch Verzicht, Dinge wieder neu zu schätzen.

      Liebe Grüße aus dem ziemlich kühlen Mainz

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  6. Ich bin auch hin- und hergerissen. Ich stapele die Zeitung meistens nur, statt sie zu lesen. Wenn ich am WE mal dazu komme, finde ich zwar manche Sachen aus den vergangenen Tagen, die mich interessieren. Wenn ich es nicht gelesen hätte, hätt ich es nicht gewusst, also auch nicht vermisst. Aber so ganz ohne…😉

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  7. Also ohne Tageszeitung könnte ich nicht sein. Trotz Internet: gut recherchierte Texte findet man nur in Print-Medien. Allerdings hast Du in einem recht: es nimmt die Oberflächlichkeit und Boulevardisierung zu. Für mich ganz extrem und exemplarisch an „Spiegel“ und „Spiegel online“ zu erkennen.
    Ich finde neben der Tageszeitung („Stuttgarter Zeitung“) noch die „Zeit“ noch ganz okay.

    Schönen Sonntag🙂

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  8. Aus recht ähnlichen Gründen verzichte ich schon lange auf eine lokale Tageszeitung. Ist einfach Zeit- und Papierverschwendung. Lese im Netz quer durch diverse Blätter und manchmal auch gar nicht, wenn mal wieder alles zu unerträglich ist. Alles Liebe Karin

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  9. Pingback: Mein Leben ohne Blog | Text-Know-how

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