Peter Stamm und Uwe Timm: ein vielleicht unfairer Vergleich

Montage Buchcover "Nacht ist der Tag/Vogelweide", Foto: S. Fischer/Kiepenheuer & Witsch

Montage Buchcover „Nacht ist der Tag/Vogelweide“, Foto: S. Fischer/Kiepenheuer & Witsch

Mit dem Lesen ist das so eine Sache: manche Bücher passen einfach nicht zu der Stimmung, in der man sich gerade befindet und werden erst Jahre später zu Ende gelesen. Und manchmal ist die Reihenfolge der Lektüre nicht die richtige. So geschehen bei mir: Auf Peter Stamms Roman „Nacht ist der Tag“ folgte Uwe Timms „Vogelweide“. Aber sprachlich-stilitisch war das zunächst wie Feuer und Wasser.

Menschen, die Bücher von Peter Stamm mit Begeisterung lesen, schätzen  dessen lakonischen Erzählstil, der auf blumige Ausschmückungen verzichtet. Dort, wo Thomas Mann mit beschreibenden Adjektiven und prätentiösen Schilderungen mehrere Seiten gebraucht hätte, verknappt, verdichtet und vereinfacht Peter Stamm das Erzählen auf das Wesentliche. Wie Ernest Hemmingway in seinen Short Strories – und eben doch wie er selbst. Ein Beispiel aus „Nacht ist der Tag“:

„Am nächsten Tag schien die Sonne. Draußen war es kühl, aber in der Wohnung war es fast zu warm . Der Arzt hatte Gillian verboten , in die Sonne zu gehen, sie wollte sich ohnehin nicht zeigen.“ (Seite 85)

Peter Stamm skizziert federleicht Stimmungen

In nur drei kurzen Sätzen beschreibt der Schweizer Autor das Wetter, die Situation in Gillians Wohnung und ihre Unlust, mit einem entstellten Gesicht unter Menschen zu gehen. Die Syntax ist unkompliziert, der Ton sachlich, beinahe nüchtern. Und doch gerät der Leser in einen Sog.

Satzbau in Uwe Timms Roman „Vogelweide“

Bei Uwe Timm sieht das ganz anders aus. Sein Stilprinzip in „Vogelweide“ scheint der Einschub zu sein. Der schwerfälliger Satzbau fällt im direkten Vergleich mit Peter Stamm besonders auf und macht mir das Lesen anfangs etwas mühselig.

„Eine Erfahrung, wie sie ähnlich wohl Polarforascher machten, die, hatten sie einen Kameraden verloren, ihn plötzlich, obwohl er doch erfroren und schon im Eis begraben lag, wieder im Zelt sitzen sahen.“ (Seite 10)

Ich habe dennoch weitergelesen. Aber am Ende schnitt Peter Stamms Roman nicht nur sprachlich-stilistisch bei mir besser ab als der von Uwe Timm. Manchmal weiß man das schon auf den ersten Seiten.

Die Meinung anderer Blogger:

Gedankenwelten: „Nacht ist Tag“ von Peter Stamm
Buchpost: Uwe Timm: Vogelweide (2013)

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